Abzählreime für Kinder: woher „Eeny, meeny, miny, moe“ kommt und warum Abzählen nicht zufällig ist

Wer muss beim Fangen ran, wer darf anfangen, wer bekommt das letzte Bonbon aus der Tüte? In Deutschland klären Kinder das seit Generationen mit Abzählreimen wie „Ene, mene, muh, und raus bist du“. Englischsprachige Kinder lernen dafür „Eeny, meeny, miny, moe“, oft schon bevor sie lesen können. Hinter den Fantasiewörtern dieses berühmtesten englischen Abzählreims steckt eine lange und teils unangenehme Geschichte und dazu eine überraschende Tatsache: Mit Zufall hat das Abzählen nichts zu tun.

Eeny, meeny, miny, moe heute

Die heute übliche Fassung lautet:

Eeny, meeny, miny, moe,
Catch a tiger by the toe.
If he hollers, let him go,
Eeny, meeny, miny, moe.

Frei übersetzt: „Ene, mene, mine, mo, pack den Tiger an dem Zeh. Wenn er brüllt, dann lass ihn los, ene, mene, mine, mo.“

Die Schreibweise schwankt (eenie, eeny, meenie, miney, mo, moe), und viele Gruppen hängen zusätzliche Zeilen an, etwa „my mother told me to pick the very best one“ („meine Mutter hat gesagt, ich soll den Allerbesten nehmen“), um die Zählung zu verlängern. Der Reim gehört zu einer großen Familie, die englische Volkskundler counting-out rhymes nennen, auf Deutsch eben Abzählreime: Bei jedem Wort oder Taktschlag ist reihum der Nächste dran, und wer das letzte Wort abbekommt, ist ausgewählt oder scheidet aus.

Bekannte deutsche Abzählreime

Deutsche Kinder haben ihre eigenen Abzählreime, und die funktionieren genauso. Zwei der bekanntesten beginnen so:

„Ene, mene, muh,
und raus bist du.“

„Ene, mene, miste,
es rappelt in der Kiste.
Ene, mene, meck,
und du bist weg.“

Beides sind überlieferte Kinderreime ohne bekannten Verfasser, und von beiden gibt es viele regionale Varianten. Die Mathematik dahinter ist aber dieselbe wie bei „Eeny, meeny“: Steht die Zahl der Wörter fest und ist der Startpunkt bekannt, dann steht auch das Ergebnis vorher fest. Warum das so ist, zeigen wir weiter unten.

So funktioniert das Abzählen

Ein Kind, der Abzähler, zeigt im Takt der Wörter reihum auf die anderen und zählt sich selbst oft mit. Mit jeder betonten Silbe wandert der Finger zum Nächsten. Wenn der Reim zu Ende ist, ist das Kind, auf das der Finger zeigt, entweder dran oder raus. Bei Ausscheidungsspielen wird der Reim so lange wiederholt, bis nur noch einer übrig ist.

Das Abzählen löst für Kinder ein echtes Problem: Es liefert eine Entscheidung, die alle als gerecht akzeptieren, ohne dass ein Erwachsener eingreifen muss. Das Ritual zählt dabei genauso viel wie das Ergebnis. Weil alle die Wörter hören und dem Finger folgen, wirkt es offen und unparteiisch.

„Eeny, meeny“ ist nur einer von vielen solchen Reimen. Englischsprachige Kinder zählen zum Beispiel auch mit „one potato, two potato“ („eine Kartoffel, zwei Kartoffeln“) ab: Alle strecken die Fäuste vor, und der Abzähler tippt eine nach der anderen an. Als Henry Carrington Bolton in den 1880er-Jahren Abzählreime sammelte, trug er Beispiele aus vielen Ländern und Sprachen zusammen und kam zu dem Schluss, dass Kinder fast überall auf diese Weise auswählen. Die Wörter ändern sich von Ort zu Ort, die Methode bleibt erstaunlich gleich: ein Schlag pro Person, und der letzte Schlag entscheidet.

Warum Abzählen nicht wirklich zufällig ist

Ein Abzählreim ist eine feste Abfolge. Hat der Reim eine bestimmte Zahl von Schlägen und weiß man, bei wem der Abzähler anfängt, steht das Ergebnis fest, bevor das erste Wort fällt. Bei vier Mitspielern und einem Reim mit sechzehn Schlägen landet der letzte Schlag zum Beispiel immer bei dem Kind direkt vor dem Startpunkt, wenn im Uhrzeigersinn gezählt wird.

Kinder durchschauen das schnell. Wer ein bestimmtes Ergebnis will, fängt einfach bei jemand anderem an, hängt eine Zeile an oder dehnt ein Wort über zwei Schläge. Deshalb heißt es auf dem Spielplatz so oft „Nochmal!“, und deshalb taugt ein Abzählreim für Kleinigkeiten, aber nicht für Entscheidungen, die wirklich fair sein müssen.

Die ersten Belege

Wer zuerst „eenie meenie“ gesagt hat, weiß niemand. Nachvollziehen lässt sich nur, wann Fassungen im Druck auftauchten.

  • Iona und Peter Opie, die führenden Erforscher der Kinderfolklore im 20. Jahrhundert, verzeichneten einen ähnlichen Reim mit dem Anfang „Hana, man“, den Kinder in New York um 1815 aufsagten.
  • 1855 druckte die britische Zeitschrift Notes and Queries eine amerikanische Fassung, die mit „Eeny, meeny, moany, mite“ beginnt.
  • 1882 hielt Fred Jago in seinem Glossar des kornischen Dialekts eine Fassung aus Cornwall fest, die mit „Ena, mena, mona, mite“ beginnt.
  • 1888 veröffentlichte der amerikanische Chemiker und Volkskundler Henry Carrington Bolton das Buch The Counting-Out Rhymes of Children („Die Abzählreime der Kinder“). Er bezeichnete „eeny, meeny, miny, mo“ als den beliebtesten Abzählreim amerikanischer Kinder und führte Berichte aus vielen Bundesstaaten auf.

Ende des 19. Jahrhunderts war der Reim also auf beiden Seiten des Atlantiks fest verankert, in zahlreichen örtlichen Varianten. Weil er mündlich von Kind zu Kind weitergegeben wurde, gab es nie den einen festen Text.

Woher stammt der Reim?

Es gibt mehrere Theorien, bewiesen ist keine.

  • Alte Zahlwörter. Die Anfangssilben ähneln Zahlwörtern aus alten britischen Zählsystemen, etwa der Schäferzählung „yan, tan, tethera“ in Nordengland. Die Opies hielten es für möglich, dass der Reim von einer solchen Zählweise abstammt.
  • Wahrsagen durch Losen. Bolton vertrat die Ansicht, dass Abzählspiele allgemein auf alte Bräuche zurückgehen, bei denen per Los ausgewählt wurde. Im selben Buch räumte er ein, dass dies zum Teil Spekulation sei.
  • Europäische Parallelen. Ähnliche Unsinnsreime gibt es auch in anderen Sprachen, darunter im Deutschen und im Niederländischen. Das spricht eher für eine gemeinsame Tradition kindlicher Abzählverse als für eine einzige Quelle.

Oft liest man, Druiden hätten den Reim benutzt oder man habe damit in keltischen oder sächsischen Ritualen Opfer ausgewählt. Dafür gibt es keinerlei schriftliche Belege. Sagen lässt sich höchstens, dass die Laute an alte Zahlwörter erinnern könnten und dass die ersten gesicherten Belege aus dem 19. Jahrhundert stammen.

Die rassistische Fassung

Lange Zeit enthielt eine verbreitete amerikanische Fassung in der zweiten Zeile, wo heute „tiger“ steht, eine rassistische Beleidigung gegen Schwarze. Boltons Sammlung von 1888 druckt den Reim in dieser Form, und Dictionary.com hält fest, dass diese Fassung bis etwa in die 1950er-Jahre weit verbreitet war. Die Opies stellten fest, dass die Beleidigung nicht zur älteren englischen Überlieferung gehörte und dass sich die amerikanische Fassung im 20. Jahrhundert in Großbritannien ausbreitete.

Etwa ab der Mitte des 20. Jahrhunderts setzten sich kindgerechte Ersatzwörter wie „tiger“ durch, und „catch a tiger by the toe“ ist heute die Standardfassung, die Kinder lernen. Der alte Wortlaut sorgt immer noch für Empörung, wenn er wieder auftaucht, und das ist ein guter Grund, bei der modernen Fassung zu bleiben.

Fairere Wege, jemanden auszuwählen

Für eine schnelle Runde Fangen ist Abzählen völlig in Ordnung. Wenn die Wahl aber wirklich zählt, etwa wer im Unterricht zuerst vorträgt oder wer einen Preis gewinnt, ist eine Methode besser, die der Abzähler nicht steuern kann.

  1. Nimm ein Zufallstool. Unser Namen-Zufallsgenerator dreht ein Rad mit Namen und bleibt zufällig bei einem stehen, ganz ohne Abzähler.
  2. Zieh Namen aus einem Hut: gut mischen und ziehen, ohne hinzusehen.
  3. Wenn ihr doch abzählt, soll jemand anderes als der Abzähler bestimmen, wo es losgeht.

Lehrkräfte, die fair aufrufen wollen, können auch das Glücksrad mit den Namen der Klasse füllen oder mit dem Zufallszahlen-Generator eine Nummer aus der Klassenliste ziehen.

Quellen

  • Bolton, H. C. (1888). The Counting-Out Rhymes of Children: Their Antiquity, Origin, and Wide Distribution. London: Elliot Stock. archive.org
  • Opie, I. and Opie, P. (1951). The Oxford Dictionary of Nursery Rhymes. Oxford University Press (zusammengefasst im unten genannten Wikipedia-Artikel).
  • Eeny, meeny, miny, moe. Wikipedia (englisch). en.wikipedia.org
  • Martin, G. Eeny, meeny, miny, mo: meaning and origin. The Phrase Finder. phrases.org.uk
  • The Racist History of "Eenie, Meenie, Miney, Moe". Dictionary.com (2018). dictionary.com

FAQ

Wie alt ist „Eeny, meeny, miny, moe“?

Ähnliche Reime wurden schon Anfang des 19. Jahrhunderts aufgezeichnet, und eine Fassung nahe an der heutigen war 1888 bei amerikanischen Kindern weit verbreitet. Der genaue Ursprung ist unbekannt.

Stammt der Abzählreim von den Kelten oder den Druiden?

Dafür gibt es keine Belege. Einige Volkskundler wiesen darauf hin, dass seine Laute alten britischen Zahlwörtern wie yan, tan, tethera ähneln, doch das ist eine Theorie und kein belegter Ursprung.

Warum ist „Eeny, meeny“ umstritten?

Ältere amerikanische und britische Fassungen enthielten in der zweiten Zeile eine rassistische Beleidigung. Der moderne Reim verwendet stattdessen tiger (Tiger), und diese Fassung wurde Mitte des 20. Jahrhunderts zur üblichen.

Sind Abzählreime wirklich zufällig?

Nein. Bei fester Wortzahl und bekanntem Startpunkt steht das Ergebnis schon vor dem Start fest, und wer abzählt, kann es lenken. Ein Zufallsgenerator für Namen ist fairer.

Das könnte dich auch interessieren

Probier diese Ja-Nein-Tools

✈️